CINEMA: Ihr neuer Film "Ridicule" handelt
von der Angst, sich lächerlich zu machen. Kamen Sie sich beim Drehen schon
einmal lächerlich vor?
Fanny Ardant: Nie. Das Privileg eines
Schauspielers ist ja gerade, daß man in den absonderlichsten Situationen
ernst genommen wird. Weil wir wie Clowns sind und deshalb Narrenfreiheit
haben, können wir uns alles erlauben.
Am Anfang Ihrer Karriere spielten sie fast nur dramatische Rollen,
zuletzt haben Sie drei Komödien gedreht.
Die Gefühle, die wir transportieren, sind so zerbrechlich wie Glas. Wer sich
wie ein Boxer aufführt, wirkt schnell lächerlich. Bei manchen Filmen bleibe
ich völlig ungerührt...
Woran liegt das?
Filme leben von Emotionen. Die Herausforderung an uns Schauspieler besteht
darin, stets glaubhaft zu wirken, auch oder gerade in Szenen, die im Grunde
niemand für bare Münze nehmen kann, beispielsweise wenn sich zwei Kerle
umbringen oder Superstars miteinander schlafen. Die menschliche Natur muß
unverfälscht rüberkommen. Zu lügen und gleichzeitig die Wahrheit zu sagen
ist die ganze Kunst.
Robert De Niro ist Ihr Lieblingsschauspieler. Sind Sie eine Anhängerin
des Method-acting?
Nein. Mir imponiert es nicht, wenn jemand 50 Kilo für eine Rolle zunimmt
oder sich den Schädel kahlrasieren läßt. Dazu ist jeder fähig. Was mich
beeindruckt, ist die innere Kraft und Stärke, die einer wie De Niro
ausstrahlt. Er erinnert mich an ein Raubtier im Zoo, in dessen Nähe man sich
nicht wagt, trotz der starken Gitter.
Sie stehen seit fast 20 Jahren vor der Kamera. Was macht Ihren Beruf für
Sie immer wieder spannend?
Ob Sie's glauben oder nicht: die Tatsache, daß längst alle Geschichten
erzählt und alle Figuren gespielt worden sind. Und dann kommt da so ein
Schauspieler mit seiner ganz persönlichen Aura, mit seinen Ticks und Tricks
und schafft es, einer Figur, einer Geschichte individuelles Leben
einzuhauchen.
Haben Sie nach so vielen Jahren noch Lampenfieber?
Ich liebe dieses Kribbeln, wenn man sich bei Drehbeginn wie ein Leichtathlet
in die Startlöcher begibt und auf das Kommando des Regisseurs wartet. Da
fühlt man sich entsetzlich allein und ungeheuer mutig zugleich.
Wollten Sie eigentlich schon als kleines Mädchen Schauspielerin werden?
Nein, erst viel später, mit 16, 17 Jahren. Als Kind haben mich Bücher viel
mehr fasziniert als Filme.
Durften Sie denn überhaupt ins Kino gehen?
Na klar. Meine Erziehung war alles andere als streng und paßt überhaupt
nicht ins Klischee vom Berufssoldaten. Mein Vater war ein Freigeist und
liebte die Literatur. Dummerweise gab es in Monaco, wo er damals als
Kavallerieoffizier stationiert war, bloß ein einziges Kino.
Ihre Eltern waren doch zunächst dagegen, daß Sie unbedingt Schauspielerin
werden wollten...
Na ja, sie hatten Angst, daß sich ihr Kind einer brotlosen Kunst verschreibt.
Um sie zu beruhigen, habe ich nach dem Abitur erst mal studiert.
Welches Fach?
Politische Wissenschaften, da war die Studienzeit am kürzesten (lacht). Das
Diplom war für mich wie ein Passierschein in die Freiheit.
Kannten Sie die Fürstin von Monaco, den ehemaligen Hollywood-Star Grace
Kelly?
Ich habe sie oft gesehen, wir lebten ja auf dem Schloßfelsen. Außerdem
gingen Prinzessin Caroline und ich in dieselbe Klosterschule. Aber ich war
zu schüchtern, um die Fürstin anzusprechen. Was mich geprägt hat, war das
kulturelle Leben in Monaco, die vielen Konzerte, Theater- und Opernbesuche.
Sie sind als Kind in die Oper gegangen?
Ja, mit meinen Eltern. Ich war eine Einzelgängerin und ziemlich oft allein.
Und heute?
Meine Freunde kann ich an einer Hand abzählen. Ich liebe die Einsamkeit. Zu
schweigen und auf mich zurückgeworfen zu sein macht mir, im Gegensatz zu
vielen Leuten, keine Angst.
Warum tauchen Sie nie in den Klatschspalten auf?
Wenn ich von Kollegen höre, die sich so benehmen wie man das von Stars
erwartet, amüsiert mich das. Andererseits tun sie mir leid, weil ich den
Eindruck habe, daß die Presse sie wie exotische Schmetterlinge aufspießt und
dann fein säuberlich klassifiziert. Paparazzi-Fotos von Stars in Hollywood
oder am Strand von Saint-Tropez erinnern mich immer an einen Almauftrieb.
Wie bitte?
Na ja, sie wirken so gefügig und tun genau das, was man von Stars erwartet -
nämlich Partys feiern, auf Premierenfeiern herumstehen und sich betrinken.
Ich bin es mir schuldig, mich dem Berufsklischee zu verweigern, so wie es
die Pflicht eines Gefangenen ist, ständig an Flucht zu denken.
Sind Sie auf der Flucht?
Ich habe ja nur dieses eine Leben. Warum sollte ich es nicht so
widersprüchlich wie möglich gestalten? Und was für meine Rollen gilt, gilt
auch für mein Privatleben. Aber das bleibt tabu. Ich will doch nicht, daß
meine intimen Geständnisse irgendwann im Wartezimmer eines Zahnarztes
ausliegen.
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